Jugendmedienschutz, Medienerziehung und Trends auf dem 17. Deutschen Präventionstag
Am 16. und 17. April fand in München der 17. Deutsche Präventionstag (DPT) statt. Er ist der größte europäische Kongress speziell für das Arbeitsgebiet der Kriminalprävention und angrenzender Präventionsbereiche und dient als internationale Plattform zum interdisziplinären Informations- und Erfahrungsaustausch. Seit 1995 wird der Kongress jährlich in verschiedenen deutschen Städten veranstaltet. Neben zahlreichen aktuellen Themen befasste sich der diesjährige DPT schwerpunktmäßig mit dem Themenkomplex „Sicher leben in Stadt und Land".
Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien war mit einem Stand und im Vortragsprogramm zum Themenschwerpunkt „Internet" vertreten und hat die Initiative „SCHAU HIN! was Deine Kinder machen" des Bundesfamilienministeriums mit repräsentiert.
Walter R.W. Staufer, Refernet im Bereich Medienkompetenz der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, hat uns ein paar Fragen beantwortet zu seinem Vortrag „Was macht mein Kind im Internet? Aktuelle Entwicklungen und Gefährdungen – Tipps zur Medienerziehung und Medienempfehlungen"
Dialog Internet: Herr Staufer, in Ihrem Vortrag sprachen Sie unter anderem von aktuellen Entwicklungen in der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Welche Entwicklungen halten Sie für besonders relevant für den Jugendschutz und warum?
Walter Staufer: Die bekannten Entwicklungen in der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen setzen sich fort, aber auf die vier bedeutendsten hat der Jugendschutz und haben tausende von Engagierten in der Medienerziehung inzwischen reagiert und Angebote bereitgestellt. Das sind:
-
„Öffentliche Privatheit"
-
Mobbing als kollektiver Spaß
-
Unbedachte Rechtsverletzungen
-
Jugendgefährdende Inhalte
Wichtige Punkte sind außerdem:
-
die Nutzer werden immer jünger
-
Angebote werden für Erziehende immer unkontrollierbarer
-
gleichzeitig nehmen Nutzerautonomie und –Verantwortung zu
-
Onlinerisiken werden überschätzt. Herkömmliche Gefahren bestehen weiter!
Jetzt eskaliert die Mobilisierung der Mediennutzung. Daher ist heute die größte Herausforderung, dass die Nutzung neuer Medien, verstärkt über Tablets und Smartphones, bei den 4-5-Jährigen angekommen ist. Bei Kindern also, die noch nicht lesen und schreiben können. Je jünger die Kinder sind, desto mehr bedürfen sie des besonderen Schutzes. Ich habe das Roundtable Gespräch des „Dialog Internet" gelesen, da wird diese Entwicklung auch aus Schülermund bestätigt: Der Schüler Nils sagt „Was viel bringen würde ist meiner Meinung nach, bei den jüngeren Schülern anzufangen, also präventiv, zum Beispiel ab der dritten Klasse. Da wäre es dann auch hilfreich, wenn ältere Schüler das Thema vermitteln, das ist dann glaubwürdig. In unserem Alter ist es glaube ich schon zu spät."
Dialog Internet: Welche neuen Forschungsergebnisse gibt es dazu?
Walter Staufer: Zu Kindern und Jugendlichen und deren Mediennutzung wissen wir nie genug. Aber immerhin sind sie keine unbekannten Wesen mehr. Gerade wurde EUKids Online II veröffentlicht, dies ist die größte empirische Untersuchung zur Onlinenutzung von Kindern und Jugendlichen in der EU. Danach sind 58 % der 9-10-Jährigen täglich online.
In Deutschland hält uns der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest auf dem Laufenden mit der fast jährlich neu erscheinenden KIM- und JIM-Studie, aktuell KIM 2010 (Kinder) und JIM 2011 (Jugendliche).
Seit 1998 werden im jährlichen Turnus Basisstudien zum Umgang von 6- bis 13-Jährigen und 12- bis 19-Jährigen mit Medien und Information durchgeführt. Zudem ist im Februar erstmalig die FIM-Studie 2012 „Familie, Interaktion und Medien" veröffentlich worden, die uns natürlich besonders interessiert. Hier steht die Familienperspektive im Vordergrund. Befragt man Eltern, so geben 71 % an, mehrmals pro Woche mit ihrem Kind gemeinsam fernzusehen, 46 % telefonieren und 45 % hören gemeinsam Radio. Nur 13 % gehen zusammen ins Internet.
Erwähnt werden muss neben vielen anderen die Forschungsarbeit des JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Hier werden im Projekt "Das Internet als Rezeptions- und Präsentationsplattform für Jugendliche" jährlich Teilstudien im Auftrag der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), München erstellt.
Dialog Internet: Welche Erfahrungen haben Sie in den vielen Gesprächen mit den Fachbesuchern des Deutschen Präventionstags gemacht? Welche fanden sie besonders spannend und warum?
Walter Staufer: Erstaunlich war das große Teilnehmerfeld an ausländischen Fachbesuchern. Wir waren am Stand im Gespräch mit Gästen aus afrikanischen Ländern, Jamaika, Japan und vielen europäischen Nachbarn. Tenor war der gegenseitige Austausch. Mit dem globalen Internet wird auch der Jugendschutz grenzüberschreitend. Viele Besucher haben die Materialien mitgenommen, um sie auf ihre nationale Situation zu übertragen. Ich selbst habe in meinem Vortrag auf Materialien aus der Schweiz zur Medienerziehung in elf Sprachen hingewiesen. Gerade bei Flyern zur ersten Sensibilisierung der vielen Eltern mit Migrationshintergrund bietet sich die Zusammenarbeit an. Auch international müssen wir das Rad nicht ständig neu erfinden.
Dialog Internet: Welche neuen Erkenntnisse konnten Sie aus den Vorträgen der anderen Referenten und dem Präventionstag insgesamt gewinnen?
Walter Staufer: Im vergangenen Jahr stand der Präventionstag erstmals unter dem Schwerpunktthema „Neue Medienwelten". Man sieht, wie die jahrelange Sensibilisierung zur Medienerziehung jetzt Früchte trägt: An vielen Orten gibt es Schülerscouts für Eltern und jüngere Mitschüler, Schüler erarbeiten in Projektwochen zu sozialen Netzwerken und Extremismus Ergebnisse, die sich mit professionellen Institutionen messen können. Gesetzlicher Jugendmedienschutz und viele Initiativen zur Medienerziehung sind die beiden Standbeine. Medienerziehung kommt in den Kommunen, in den Ländern, bei Eltern, Multiplikatoren, Kindern und Jugendlichen immer mehr an.
Angebote zur Medienerziehung müssen mit der Entwicklung der neuen Medien mitziehen: professionell, vernetzt, international. Dieses Jahr werden noch viele Relaunches kommen. Zum Jugendmedienschutz und zur Medienerziehung fehlt uns das vom Dialog Internet geforderte Übersichts- und Orientierungsportal noch (Anm. d. Redaktion: Datenbank als Teil des geplanten Medienkompetenzberichts).
Der Trend geht bei den Angeboten zur Professionalisierung mit anspruchsvollerer Vernetzung und Verlinkung und größerem Mehrwert für die Nutzer. Wie das aussehen kann, hat die Bundeszentrale für politische Bildung gerade mit ihrem Relaunch gezeigt.
Dialog Internet: Vielen Dank, Herr Staufer!
-------------------------------------------------------------
Weiterführende Medienempfehlungen und Linktipps von Walter Staufer:
Buchempfehlung:
Six, U./ Gimmler R. (2010): Medienerziehung in der Familie – Ein Ratgeber für Eltern.
Schriftenreihe der MA-HSH Bd. 3 (Hrsg.) Berlin. €12,00 165 S.
„Der Ratgeber ist eine notwendige, überaus hilfreiche, mutige und rundum gelungene Publikation, der eine niederschwellige Verbreitung an viele Eltern zu wünschen ist."
Internetempfehlungen:
SCHAU HIN! Was Deine Kinder machen
Die Initiative des BMFSFJ gibt Tipps und Informationen zu elektronischen Medienangeboten und deren Handhabung mit ganzheitlichen Erziehungstipps für die 3- bis 13-Jährigen. Es geht darum, praxisnahe Hilfestellungen für den kindgerechten Umgang mit Medien, konkreten Rat und fundiertes Wissen von Experten an Eltern, Familien und pädagogische Fachkräfte weiterzugeben.
Internet-ABC - Wissen wie's geht! Zeigen wie's geht!
Seite für Kinder/Eltern/Pädagogen.
NEU:
-
CD-ROM "Wissen wie's geht! Mit Spaß und Sicherheit ins Internet"
-
„Handbuch für Lehrkräfte" für den Unterrichtseinsatz ab dem dritten Schuljahr mit Arbeitsblättern. 226 S., kostenlos
jugendschutz.net (Hrsg.) (2009) kostenlose Broschüre für Jugendliche, Eltern und Pädagogen.
NEU:
-
Chatten ohne Risiko? Lehrmodul mit Materialien. Nur Download!
Ein Netz für Kinder – Surfen ohne Risiko?
Leitfaden für Eltern und Pädagogen mit „Extraheft für Kinder". (2011) BMFSFJ (Hrsg.), als kostenlose Broschüre und als PDF.
Mit Sicherheit mobil – ein Ratgeber für Eltern (2011) Hrsg. BMFSFJ.
Diese kostenlose Broschüre bzw. das PDF gibt Eltern Tipps, wie sie ihre Kinder altersgerecht schützen können und eine Übersicht der Schutzangebote der derzeit größten Netzbetreiber.
Klicksafe Die EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz
klicksafe-Materialien:
-
Eltern-Leitfaden „Internetkompetenz für Eltern – Kinder sicher im Netz begleiten".
-
Referenten-Hinweise, praktische Arbeitshilfe zur Durchführung von Eltern-Kursen.
-
Leitfaden zum Schutz der Privatsphäre in Sozialen Netzwerken – Facebook Modul "Facebook für Minderjährige", Umgang mit der Facebook-Chronik, Module werden ständig aktualisiert
-
Klicksafe/iRights.info (Hrsg.) (2010) Spielregeln im Internet – Durchblicken im Rechte-Dschungel
Weitere News
Der neue KinderServer, den Bundesfamilienministerin Kristina Schröder am 27. Februar startete, ist die neunte Initiative des Dialog Internet. Zum Start waren auch die Expertinnen und Experten des...
Viele Schulen unterstützen die Medienkompetenz ihrer Schülerinnen und Schüler mit Angeboten zum Thema Internet. In loser Reihenfolge werden wir künftig solche Unterrichtsprojekte vorstellen.
Die weltweit größte Fachmesse für Lernen und Lehren, „didacta – die Bildungsmesse“, präsentiert seit gestern den Besuchern in Köln ein vielfältiges Angebot. Rund 800 Aussteller aus 15 Ländern...
Wenn es um Social Media geht, ist der Beratungsbedarf bei Müttern und Vätern groß. Ein wachsendes Angebot an Ratgebern greift das Thema Facebook und Co auf.
Auf Initiative der Europäischen Kommission findet heute, am 05. Februar 2013, bereits zum zehnten Mal der Safer Internet Day (SID) statt.
Das Alltagsmedium Internet ist für Jugendliche nach wie vor sehr attraktiv, weil es von Wissensdurst bis Unterhaltung vielfältige Bedürfnisse befriedigen kann. Die meisten können mit dieser Vielfalt...
Am heutigen Europäischen Datenschutztag finden europaweit zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen statt, die auf das Themenfeld aufmerksam machen. Eine gute Gelegenheit, das Thema auch in Schule oder...
EU-weite Überprüfung von E-Commerce-Webseiten deckt Verstöße gegen Verbraucherrechte auf.
Heutzutage kommen viele Kinder zum ersten Mal mit digitalen Spielen in Berührung, wenn sie zwischen fünf und acht Jahre alt sind. Türöffner zur Welt der Computerspiele sind meistens Väter oder ältere...
Die Mehrzahl der amerikanischen Eltern ist besorgt, wenn es um die Internetnutzung ihrer Töchter und Söhne im Teenageralter geht. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des US-Forschungsinstitutes Pew...